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Wo die Zeit still steht Bei den Mennoniten in Mexiko sind Fortschritt und Bildung verpönt, aber die Abschottung gelingt nicht mehr Von Jens Holst, Artikel aus Frankfurter Rundschau vom 9.11.1998 Bitterkalt senkt sich die Nacht über Steinfeld. Aus zwei Fenstern des Wohnhauses dringt Licht nach außen. Drinnen räumen Mädchen mit Mittelscheitel und blonden Zöpfen den Tisch ab. Die vielköpfige Familie von Cornelius Wiebe hat gerade das Abendbrot beendet. Auf unser Klopfen öffnet die Frau des Dorfpredigers die Tür. Besuch am Samstagabend ist sehr ungewöhnlich. Mennoniten besuchen sich eigentlich nicht. Nach kurzem Zögern werden wir hineingebeten. Im schlicht möblierten Wohnzimmer bullert ein kleiner Ofen und verbreitet ein wenig Wärme. Ordentlich und sauber ist es bei den Mennoniten im Hochland von Nordmexiko. 45 000 Anhänger dieser Religionsgemeinschaft leben heute im Staat Chihuahua. Der Dorfprediger betritt den Raum, einen breitkrempigen Hut auf dem Kopf. Cornelius Wiebe ist reservierter als seine Frau. Es gibt unerwartete Verständigungsprobleme, nicht so sehr inhaltlicher wie sprachlicher Natur. Daß die meisten Mennoniten nur plattdeutsch sprechen und die Hochsprache kaum verstehen, ist bekannt. Die Verständigungsschwierigkeiten mit Wiebe überraschen jedoch. Schließlich halten die Prediger der Mennonitengemeinden überall auf der Welt ihre Sonntagsmessen in „Hochdeutsch“, das aber mehr der Sprache Martin Luthers als heutigem Deutsch ähnelt. Es war zur Zeit der Reformation, als Menno Simons im heutigen Ostfriesland die strikte Einhaltung der Zehn Gebote lehrte. Damit stellte er die autoritäre Vorherrschaft der Amtskirche und die Verquickung von weltlicher und kirchlicher Macht in Frage. Jede Form staatlicher Kontrolle ist für die Mennoniten bis heute von Übel. Sie verweigern den Kriegsdienst und bestehen auf ihrer eigenen Schulbildung. Das führte zu Konflikten mit der Obrigkeit. Und zum Aufbruch des gottesfürchtigen Bauern- und Bibelvölkchens in neue Länder, um nach ihren religiösen Vorstellungen leben zu können. Von Friesland zogen sie nach Holland, weiter nach Ostpreußen, nach Rußland, in die USA und nach Kanada. Da überstanden sie zwar unbeschadet die Mobilmachung im Ersten Weltkrieg, aber die Ausweitung der allgemeinen Schulpflicht führte vor 75 Jahren zum neuen Exodus. Zuflucht bot Mexiko, das gerade die Wirren eines Bürgerkriegs überwunden hatte. Präsident Alvaro Obregon sicherte dem wandernden Völkchen nicht nur volle Religionsfreiheit sowie die Befreiung von Militärdienst und Wahlpflicht zu, sondern auch das Recht, „daß Sie Ihre eigenen Schulen mit eigenen Lehrern gründen können“. Am 8. März 1922 erreichte der erste Treck den Bahnhof von Cuauhtemoc in der nordmexikanischen Prärie. Binnen weniger Jahre verwandelten die asketischen Bauern das Ödland in Äcker und brachten es zu bescheidenem Wohlstand. Bei ihren mexikanischen Nachbarn waren sie wegen ihrer Arbeitsmoral und Ehrlichkeit angesehen, nicht wenigen gaben sie in der Erntezeit Arbeit und Brot. Die deutschstämmigen Siedler bleiben aber unter sich, heiraten untereinander und nehmen auch die Folgen der Inzucht in frommer Gottesfurcht hin. Zum Wehrdienst wollte sie in Mexiko bisher niemand zwingen, und in kleinen Dorfschulen unterrichten rudimentär ausgebildete Lehrer das kleine Einmaleins und das ABC, so wie es vor hundert Jahren war. Dennoch klopft die Moderne an die Tür der Kolonie. In Zeiten weltweiter Ökonomisierung aller Lebensbereiche nimmt der Anpassungsdruck zu. Dank des Freihandelsabkommens Nafta überschwemmen Billigprodukte aus dem Norden die heimischen Agrarmärkte. Längst ist man vom Prinzip der Selbstversorgung abgerückt. Die Bauern verkaufen den Großteil der Maisernte an die Gesellschaft „Conasupo“. Die Unterstützung aus dem Agrarprogramm „Procampo“ ist willkommen, eine wachsende Zahl von Mennoniten tritt der mexikanischen Sozialversicherung bei. Viele Familien müssen sich mit Saisonarbeit auf kanadischen Plantagen über Wasser halten. Der Boden wird knapp für die wachsende Bevölkerung, wo jede anständige Familie zehn oder 12 Kinder hat. Junge Leute müssen langfristig Arbeit außerhalb des Mennonitenlandes suchen. Die fortschreitende Rationalisierung vernichtet ihre Jobs in der Landwirtschaft. Nur wenige Mennoniten suchen nach Auswegen und anderen Betätigungen für die Jugend. Einer von ihnen ist Jakob Heide Rempel. In seiner kleinen Firma für landwirtschaftliche Maschinen beschäftigt er 76 Mitarbeiter. Der Unternehmer sieht keinen Widerspruch zu mennonitischen Glaubensregeln, sofern eine Bedingung erfüllt ist: „Wir sollten als Christen ein ehrliches, aufrechtes Geschäft machen.“ Als er anfing, wurde er dennoch von der Gemeinde geächtet. Zur Aussöhnung kam es erst, als Heide Geschäftsführer der Mennoniten-Bank Union de Credito wurde. Auf der Suche nach Krediten wandten sich seine Kritiker schließlich wieder an Jakob Heide. Fest ist die klassische mennonitische Devise „je gelehrter, desto verkehrter“ in den Köpfen der traditionellen Altkolonier verankert. Im Beharren auf Althergebrachtem lehnen sie die Massenmedien ab und halten stur an ihrem überlieferten Analphabetismus fest. „Es ist nicht nötig, daß die Leute etwas anderes lesen als die Bibel,“ meint Prediger Wiebe aus Steinfeld, „wir wollen nicht, daß sie etwas lernen, was nichts mit der Religion zu tun hat.“ Zeitungen, Bücher, Radio und vor allem das Fernsehen seien schädlich. Doch Frömmigkeit und Asketentum in Verbindung mit Pioniergeist und Friedenslehre, den Grundpfeilern des mennonitischen Glaubens, bieten heute keinen Schutz mehr vor den Versuchungen der Moderne. Vor allem junge Leute erliegen der Versuchung des Alkohols oder sorgen als Drogenkuriere über die nahe Grenze für Schlagzeilen. „Wir werden ständig von Einflüssen von außen bombardiert,“ meint Rektor Abram Dyck von der Schule in Blumenau, „und viele von denen haben wir auch angenommen. Die Geschlossenheit dieser Kolonie ist verschwunden.“ Sein Kollegium, ausnahmslos Modernisierer der Mennonitischen Konferenz, will die Heranwachsenden umfassend auf die neue Wirklichkeit vorbereiten. Dazu gehört es auch, mit verschiedenen Regeln zu brechen. Während Musik ebenso wie jede sportliche Betätigung bei den Altkoloniern verpönt ist, haben beide Fächer in Blumenau einen festen Platz auf dem Stundenplan. Sogar Computerunterricht und Sexualkunde wird älteren Schülern geboten. Schulleiter Dyck kann sich gut an die Auseinandersetzungen in der Mennonitengemeinde erinnern. Seine Eltern waren als Kinder mit der ersten großen Siedlerwelle 1922 aus Kanada nach Chihuahua gekommen. Knapp 30 Jahre später wurde Vater Gerhard Dyck zum Dorfprediger gewählt. Er besaß damals schon einen Trecker mit Gummireifen. Die Gemeinde lehnte den Prediger deshalb ab. Die Dycks entzogen sich dem Konflikt und lebten in Cuauhtemoc. Sohn Abram kam zu einer umfassenden Schulbildung, konnte studieren und ist nun Direktor der größten Mennonitenschule in Mexiko. Einen bedrohlichen Einfluß von außen auf die Kolonie sieht er nicht: „Ich glaube, die Veränderung ist von innen entstanden. So waren meine Eltern zum Beispiel einfach nicht mehr mit Dorfschulen zufrieden.“ Eine dieser Zwergschulen steht im Flecken Neuendorf. Schlichte graue Häuser mit strahlend weiß gemalten Fensterrahmen reihen sich in großem Abstand an der Straße auf, abgetrennt durch eine exakt ausgerichtete Mauer. Ein kräftiger Mittvierziger stellt sich als Dorflehrer vor. Bereitwillig zeigt er uns „seine“ Schule mit einem einzigen Klassenraum für alle Jahrgangsstufen. Der Unterricht findet in plattdeutsch statt, Lesen und Schreiben wird an Hand von Bibelpassagen gelehrt. Didaktisches Grundprinzip ist das Auswendiglernen. Rechnen beschränkt sich auf das kleine Einmaleins. Die strohblonden Lehrerstöchter mit altmodischen bunten Kleidern und Kopftüchern nutzen die Gelegenheit, den Gästen Fibeln und Hefte zu zeigen - alles ist in altdeutscher Schrift. In Neuendorf scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. [ dokument info ] Copyright
Leserbrief: FR, 9.11.98, S.6: Wo die Zeit still steht Aha! Die Mennoniten "lehnen also die Massenmedien ab und halten stur an ihrem überlieferten Analphabetismus fest." Seltsam, daß ich lesen kann, denn als Mennonit müßte ich nach der "Logik" von Jens Holst eigentlich Analphabet sein. "Es ist nicht nötig, daß die Leute etwas anderes lesen als die Bibel." zitiert Holst einen mennonitischen Prediger in Mexiko. "Zeitungen, Bücher, Radio und vor allem das Fernsehen seien schädlich." Ein seltsamer Begriff von Analphabetismus: Analphabet ist der, der nicht liest, was mir paßt. Wer (nur) Bibel liest ist Analphabet. Recht hat er der mennonitische Prediger! Zeitungen sind schädlich. Vor allem wenn darin solche miserabel recherchierten und undurchdachten Artikel stehen. Alle Jahre wieder und nun auch wieder in der FR schreibt ein irgendwo in Mexiko, Kolumbien, Belize oder Paraguay durchgereister Ethno-Paparazzi einen bestenfalls halbinformierten Artikel über DIE Mennoniten. Regelmäßig ärgern sich dann Mennoniten, die zufällig zur Leserschaft der jeweiligen Publikation gehören. Zum einen ärgert die Überheblichkeit mit der aus gebildeter(?) westlicher, oft ethnologischer Perspektive auf eine Gruppe von Menschen herabgeschaut wird und ihre Entscheidung zu einem anderen Leben belächelt wird. Als ob die Schädlichkeit der Massenmedien nicht auch hierzulande durchaus diskutiert würde. Zum anderen stört die Verallgemeinerung der beobachteten Gruppe zu DEN Mennoniten. In jedem Lexikon hätte der Autor einige Informationen über die Mennoniten finden können. Oder er hätte die Internetsuchmaschine mit dem Stichwort "Mennoniten" laden können. Er hätte gestaunt, was wir Analphabeten alles ins Netz stellen. Es gibt in Lateinamerika deutschsprachige Mennonitengemeinden, die den Anschluß an die Moderne nicht scheuen, es gibt spanischsprachige Gemeinden. In Nordamerika sprechen die Mennoniten in Alltag und Gottesdienst meist englisch. In den Niderlanden niederländisch oder friesisch. In Äthiopien amharisch oder eine der Sprachen der anderen dort lebenden Völker. In Deutschland leben wir als alteingesessene seit der Reformationszeit und die oft (platt)deutschsprechenden Zuwanderer aus der Ex-Sowjetunion seit den 70er Jahren. Es gibt unter uns hierzulande eine breite Vielfalt kultureller und theologischer Prägungen, wie in jeder anderen Kirche auch. Oder mehr noch, weil uns kein Papst oder hierarchische Struktur vorschreiben, was wir zu glauben oder zu leben haben. "Überall auf der Welt halten die Prediger der Mennonitengemeinden Welt ihre Sonntagsmessen in 'Hochdeutsch', das aber mehr der Sprache Martin Luthers als heutigem Deutsch ähnelt." Jens Holst ist herzlich eingeladen in einen unserer Gottesdienste, sei es hier in Bammental, Haupstr. 89, Sonntag 9.45 oder auch in Frankfurt, Eysseneckstr. 54, Sonntag 10 Uhr. Wir können dann mit ihm diskutieren, warum wir seit über 450 Jahren keine Messe mehr halten. Er kann sich beim Predigthören selbst ein Bild machen von der Sprache, die unter uns gesprochen wird. Dann könnten wir ihm auch etwas erzählen von mennonitischen Schulen und theologischen Seminaren, Universitäten oder auch mennonitischen Studenten an den normalen Unis. Im Zentrum der Lehre des Menno Simons in der Reformationszeit stand nicht etwa die "strikte Einhaltung der Zehn Gebote" wie Holst schreibt, vielmehr suchte Menno damals einen Weg zwischen obrigkeitsfrommer Reformation und gewalttätiger Revolution a la Münster. Er fand ihn auf dem Weg der Nachfolge Jesu und suchte ihn mit vielen anderen zusammen zu gehen. Gewaltfreiheit, Feindesliebe und ein Verständnis der Kirche als Kontrastgesellschaft, derer die Nachfolge Jesu wirklich leben wollen, waren Kernpunkte. Die Geschichte des später nach Menno benannten pazifistischen Flügels dieser Bewegung läßt sich nicht auf wenige Formeln, schon gar nicht auf das von Holst zitierte "je gelehrter desto verkehrter" oder die mehr oder weniger reißerische journalistische Darstellung gerade der exotischen Mennonitengruppen wie dieser in Mexiko reduzieren. In ihrem für Außenstehende oft verstörenden Anderssein leben auch sie ein Stück Kontrast, wenn auch in vielfach erstarrten Formen. Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß viele Mennoniten die selbstgewählte Abschottung der Altkolonier mit Sorge beobachten. Sorge bereiten die menschlichen und sozialen Kosten des Rückzugs. Sorge bereiten auch die Erstarrung des Glaubenslebens in Legalismus und äußere Formen. Mennonitische Hilfswerke z.B. aus Nordamerika suchen Kontakte und Dialog in sozialen und seelsorgerlichen Fragen, beraten in Konfliktsituationen, die sich aus dem in Holsts Artikel angesprochenen sozialen Wandel ergeben. Auch das hätte der Autor bei genauerem Hinsehen bemerken können. Wolfgang Krauß, Bammental, Mitarbeiter des Deutschen Mennonitischen Friedenskomitees, derzeit im Sabbatjahr |