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Tabea Bucher zum Thema Aufklärung meiner Generation
Tja, schwere Frage! Ehrlich gesagt: Ich
weiss es nicht!!! Nicht, dass ich behaupten würde, ich wäre allwissend
geboren, oder - um es mit dem Gegenextrem auszudrücken - zu altersschwach
und vergesslich und hätte das Thema wegen Verjährung seit einiger
Zeit ad acta gelegt. Nein, ich kann mich beim besten Willen nicht daran
erinnern nach der "klassischen", "herk"mmlichen",
"altbew"hrten"(?) Methode aufgekl"rt worden zu sein.
So ganz nach dem Motto "Jetzt setz' dich mal da hin und h"r'
mir gut zu! ... (drucks) ...äh, ja...ähm.." usw.
Die einzige Geschichte in der Beziehung, die mir immer wieder aufs Brot
geschmiert wird, ist folgende: Ich muss wohl so zwei bis drei gewesen sein,
als ich mit meiner Oma im Schwimmbad war. Irgendwann begann ich lautstark
die Menschen um mich herum ihren Geschlechtern zuzuordnen, von wegen: "Oma,
guck mal!!! Der hat ..., deswegen...!" etc.. Meiner Oma war das wohl
ziemlich peinlich und ich f?r meinen Teil muss sagen, dass dieses Ereignis
nun doch entschieden zu lange her ist, um noch konkretere Beschreibungen
von mir zu geben. Eine andere Sache steht in meinem Kindertagebuch im M"rz
'81 (also im zarten Alter von 1,5 Jahren):
Tabea sitzt auf dem Wickeltisch und streichelt sich ?ber ihren dicken Bauch:
"Baby drin, gucken?!" Ich muss also schon zu diesem Zeitpunkt
- auch wohl deshalb, weil meine Mutter gerade mit meinem Bruderherz schwanger
war - gewusst haben, dass kleine Kinder aus dem Bauch ihrer Mamas kommen.
Und habe nicht etwa diese "Kinderverarschung" von wegen "Mich
hat der Storch vorbei gebracht!", oder "Ich bin meinem Papa ins
Bierglas gefallen!" oder auch "Mich hat 'ne sch"ne Fee aus
dem Kindlesee gezoge!" geglaubt.
Da ich hier allerdings einen Artikel ?ber die "Aufkl"rung meiner
Generation" (das klingt so trocken) schreiben soll und man aus meiner
pers"nlichen "Aufkl"rung" irgendwie keinen ganzen Artikel
schreiben kann, bin ich einfach mal mit Papier und Bleistift losgezogen
und habe verschiedene Leute zu diesem Thema befragt.
Um einen Vergleich zu haben, zwischen der Aufkl"rung anderer Generationen
und der Aufkl"rung meiner Generation, habe ich Menschen verschiedenen
Alters befragt und festgestellt, dass es heute wie fr?her verklemmte, sowie
offenen und recht lockere Leute gibt bzw. gab und das es gr"sstenteils
an der eigenen Erziehung und inneren Einstellung liegt. Dennoch war festzustellen,
dass es einen ziemlich krassen Unterschied im Umgang mit Sexualit"t
fr?her und heute gibt. So bekam ich, als ich mich nach dem Adventskaffee
in die K?che unserer Gemeinde wagte und diversen Damen und einem Herrn
so um die Sechzig (plus - minus zehn Jahre) nur Kommentare zu h"ren,
wie "Mir ham nur gelernt, wie's die Bienen machen!" - "Und
die Hasen!" - "Manchmal ham wir auch heimlich geguckt, wie der
Stier auf die Kuh rauf ist, aber wenn wir erwischt wurden hiess es sofort:
Geht ihr hier weg, des is nix f?r euch!!!" - "Ja des war wirklich
eine ganz furchtbar heimliche Sache."
Wenn ich mir allerdings die n"chste Generation - also meine Eltern
und Altersgenossen und -genossinnen anschaue, haben es die eben genannten
Leute als Eltern wohl auch nicht anders gemacht. Ich bekam zum Beispiel
von Angelika (44) folgendes erz"hlt: "Ich muss so etwa 14 gewesen
sein. An Weihnachten war noch ein P"ckchen ?brig ohne Namen drauf.
Nachdem ich randaliert hatte, "ffnete ich es und es war ein Buch darin
"Woher kommen denn die kleinen Buben und M"dchen" oder so
"hnlich. Da meine Br?der schon aus dem Haus waren und mein Vater das
Buch wohl nicht wollte, konnte es nur f?r mich sein. Ich habe es auf einen
Rutsch durchgelesen und nichts dazu gefragt. So war das wohl auch gedacht
gewesen."
-hnliche Geschichten erz"hlten mir fast alle meiner "potentiellen
Eltern": "Ich wusste schon einiges durch sogenannte jugendgef"hrdende
Zeitschriften und die Schule, als meine Eltern einen ganz niedlichen Versuch
machten mich aufzukl"ren, den sie allerdings vor lauter Scham und
Sprachlosigkeit abbrachen. Das war sowohl f?r mich, wie auch f?r sie eine
ziemlich peinlich Situation." so Ernst-Christian (40). Auch Eberhard
(43) erinnert sich "hnlich: "Ich muss so 13 - 14 gewesen sein,
als mir meine Mutter einmal, als ich krank war, ein B?chlein ?ber die Vermehrung
der Hasen gab. Sp"ter kam sie und erkundigte sich, ob ich noch Fragen
h"tte. - Ich hatte nat?rlich keine, da ich l"ngst von der "Gosse"
aufgekl"rt war. Aber wie's tats"chlich ging, hab ich erst viel
sp"ter begriffen. Irgendwie war das alles ganz gr"sslich verklemmt.
W"rter wie "Glied" oder "Scheide" in den Mund
zu nehmen w"re schon Pornographie gewesen."
Etwas andere Erinnerungen hat Trauti (41): "Ich habe zwar Gespr"che
mit meinen Eltern gef?hrt, aber die waren eher mir peinlich. Das meiste
habe ich wohl aus der Bravo erfahren und die "neugierigen" Fragen
habe ich mit Freundinnen bequatscht. K"rperliche N"he wurde bei
uns auf nat?rliche Weise gelebt und keineswegs tabuisiert. Ausserdem hatten
wir ein hochinteressantes Gesundheitsbuch."
Nachdem ich nun die Aufkl"rung meiner Eltern- und Grosselterngeneration
n"her erl"utert habe, kommen wir nun zum eigentlichen Thema dieses
Artikels und stellen fest, dass es dar?ber eigentlich gar nicht so besonders
viel zu berichten gibt. Die meisten k"nnen sich an kein sogenanntes
"Schl?sselgespr"ch" oder einen Zeitpunkt erinnern, von dem
sie sagen w?rden: "Ab da war's mir klar."
Cordula (18) meint zum Beispiel: "Ich kann mich an nichts konkretes
erinnern. Irgendwie w"chst man da so rein und es kommt einem ganz
normal vor." Lene (13) sagt dazu: "Eigentlich war mir das schon
immer klar. Selbst wenn mal was unklar war, wusste ich, dass ich einfach
fragen konnte und hab das auch gemacht." Diese Offenheit zwischen
Eltern und Kindern best"tigt auch Johannes (16): "Es war halt
so... so neben bei - Ich war vielleicht im Kindergarten... Aber eigentlich
gab es keinen bestimmten Zeitpunkt."
Tja, diese Achtundsechziger soviel zum Thema freie Liebe...
Ich f?r meinen Teil kann nun beruhigt sagen, dass ich in meiner Generation
keineswegs eine Ausnahme bin, wenn ich mich an keine konkrete Situation
erinnern kann, in der ich aufgekl"rt wurde. Also hat es doch etwas
mit der Zeit zu tun, in die man hineingeboren wird. Ich hoffe nur, dass
wir als Elterngeneration unsere Aufgabe auch gut meistern und unsere Kinder
auf nat?rliche und aufgeschlossenen Weise mit diesem Thema grossziehen.
Vornehmen kann man es sich ja mal und einen R?ckschritt wird es wohl kaum
geben. Ich denke jedenfalls, dass man durch Tabuisieren meist mehr kaputt
macht, als erreicht.
Tabea Bucher
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