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Dieser Holzschnitt entstand vor 499 Jahren, kurz vor einem runden
Jahreswechsel. Das Jahr 1500 stand vor der Tür und die Angst vor dem
Weltende wurde geschürt. Die Pest raffte wie heute AIDS die Menschen
ohne Ansehen der Person dahin, und man fragte sich, ob es eine Strafe Gottes
wäre.
Den einfachen Menschen wurden immer mehr Privilegien gestrichen und die
zwölf Forderungen der oberschwäbischen Bauern, unter Anderem
die Steuern wieder auf ein biblisch vertretbares Mass zu senken, blieben
ungehört. Die deutsche Bank der Fugger machte derweil Umsatzgewinne
nie gekannten Masses und der Papst baute an der grössten Kirche der
damaligen Zeit, dem Petersdom.
Kaiser Maximilian veranstaltete währenddessen veraltete Ritterspiele,
die er sich aufgrund der leeren Staatskassen von der deutschen Wirtschaft,
den Fuggern, finanzieren liess. Aufsehen erregte in dieser Zeit kein Schaf
namens Dolly, sondern ein Schwein mit acht Beinen, zwei Hinterleibern und
zwei Zungen und liess die Ahnung laut werden, dass die Schöpfungsordnung
aus den Fugen geriet.
Kapital aus der resultierenden Zukunftsangst schlugen die Versicherungen.
Der Ablasshandel war lukrativ wie sonst höchstens die Globalisierung
der Wirtschaft, die mit der Entdeckung Amerikas 1492 ganz neue Dimensionen
annahm.
Dürer brachte in dieser Zeit seine Illustration der Offenbarung heraus
und verdiente sich damit ein Startkapital für seine künstlerische
Karriere. Die vier apokalyptischen Reiter sind die bekannteste Darstellung
aus diesem Zyklus. Die vier Reiter lassen sich im Vergleich mit dem Bibeltext
(Off 6, 1-8) als die Personifikationen von Machtstreben, Krieg, Inflation
und Tod identifizieren. Sie sind wie Helden dargestellt, für die Menschen
bleibt nur der Höllenschlund, ein Ausweg für Gläubige ist
nicht zu sehen, der Weg zum Himmel ist durch die Reiter auf breiter Front
versperrt.
Vier dynamisch dahinpreschende Reiter erkennt man, deren Blick in die Ferne
gerichtet ist. Vor ihnen kommen einige Menschen unter die Hufe, aber keine
Verletzung ist zu sehen, kein Blut spritzt; selbst die zurückhaltende
Kriegsberichterstattung aus Ex-Jugoslawien war heftiger. Dem alles verschlingenden
Höllenschlund links unten steht der erlösende Lichtschein oben
links gegenüber.
Was wollte Dürer also vor 499 Jahren darstellen, ebenfalls vor einem
runden Jahreswechsel stehend, der damals wie heute Weltuntergangsstimmung
heraufbeschwor? Wollte er Mut machen, ein moralisches Urteil abgeben, anklagen?
In seinem Bild hat er die Personen in zeitgenössischer Tracht dargestellt,
er hat die vier Reiter in einem Bild geballt vereint, er hat die Inflation,
die vom Aussehen an Kaiser Maximilian erinnert zur Hauptperson gemacht
und den Tod ganz in den Vordergrund gestellt.
Letzterer ist auf völlig neue Art und Weise dargestellt. Tauchte er
im Mittelalter als Gerippe auf, so ist er hier eine abgemagerte Gestalt
mit einer Forke in der Hand, die mit einem grausamen Grinsen auf einem
alten Gaul dahinrast. Dieser Tod bringt nicht in Ruhe mit der Sense die
Ernte eines Lebens ein, er erwartet nicht als sauberes Skelett den neuen,
unvergünglichen Leib, er verhüllt sein angstmachendes Angesicht
nicht unter einer Kapuze, er kommt nicht heimlich zu einer Hintertür
hinein.
Diese Gestalt ist tot, obwohl der Leib noch lebt, er reitet einträchtig
mit derselben Dynamik wie seine Begleiter, er versteckt sein Aussehen nicht
hinter teuren Anzügen und verbirgt seine Grausamkeit nicht hinter
edlen und Bewunderung hervorrufenden High-Tech-Waffen und gaukelt nicht
mit einer Waage Gerechtigkeit vor. Und natürlich ist man gut gelaunt
und optimistisch.
Und hoch über allem schwebt der Engel Gottes und segnet die Szene
mit gnädiger Geste ab. Ist das die k?nstlerischen Alternative zu den
computerspielartigen Bildern vom Golfkrieg? Wird hier der Tod in seinen
Schrecken dargestellt und nicht in die verbarrikadierten Intensivstationen
der Gesundheitsfabriken verbannt? Wird hier schonungslos die uns erwartende
und selbst fabrizierte unheilvolle Zukunft präsentiert? Werden hier
die Fratzen von AIDS, Gentechnik, Ozonloch, Üsberbevölkerung
usw. ins Bild gesetzt?
Dargestellt sind vier dynamisch dahinpreschende Reiter, den Blick in die
Ferne gerichtet. Vor ihnen kommen einige Menschen unter die Hufe, aber
keine Verletzung ist zu sehen, kein Blut spritzt; selbst die zurückhaltende
Kriegsberichterstattung aus Exjugoslawien war heftiger. Dem Höllenschlund
links unten steht der Lichtschein oben links gegenüber und ein schwebender
Engel segnet die Szene ab.
Was wollte Dürer also vor 499 Jahren darstellen, ebenfalls vor einem
runden Jahreswechsel stehend, der damals wie heute Weltuntergangsstimmung
heraufbeschwor? Grund zum Pessimismus gab es auch damals genügend:
die Pest rottete ganze Landstriche aus, die Kirche war moralisch verottet,
eine rigide Sparpolitik trieb die Massen an den Rand des Existenzminimums,
während wenige Fürsten und Bischöfe mit dem Geld der Fugger
prassten. Kein geklontes Schaf, aber eine Sau mit acht Beinen, zwei Hinterleibern
und zwei Zungen liess die Ahnung laut werden, dass die Schöpfungsordnung
aus den Fugen geriet.
Martin Wedler
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