1. Die jg lebt nicht von ihren LeserInnen, sondern von ihren SchreiberInnen
Die JUNGE GEMEINDE ist noch nie ein Blatt gewesen mit hohen Auflagen.
Das ist nicht ihr primäres Ziel. Auch wird sie nicht von allen AMG-Mennoniten
abonniert, geschweige denn gelesen. Dafür kommen in ihr immer wieder
Menschen zu Wort, die sonst nicht für die Tffentlichkeit schreiben.
Für mich bedeutete dies zu Beginn des Studiums die Möglichkeit,
erste Gehversuche zu machen im Schreiben von Artikeln. Das war damals eine
schöne Herausforderung, eine Einübung im Formulieren und Meinung
bilden (sich selbst und für andere), im überregionalen mennonitischen
Kontext. Da die jg nicht auf Perfektionismus aus ist, sondern Engagement
und Bereitschaft zu Schreiben höher bewertet, bietet sich hier ein
Betätigungsfeld für die unterschiedlichsten SchreiberInnen. Ob
das dann auch noch alles gelesen wird, ist vielleicht nicht die erste Frage.
Wichtiger scheint hier, daß Mennoniten und andere Menschen ihre Sichtweisen
nicht für sich behalten, sondern bereit sind, sie mitzuteilen. Dabei
macht es einen großen Unterschied, ob man eben mal etwas sagt auf
einer Versammlung, oder ob man sich die Mühe (für andere) macht,
sich hinzusetzen und etwas zu Papier zu bringen, auf das man dann auch
festgelegt werden kann. Die jg macht Mut, das zu tun.
2. Die jg kann provozieren, ohne ausgleichen zu müssen.
Die meisten Publikationen innerhalb der AMG sind darauf aus, die unterschiedlichen
Meinungen innerhalb unserer Gemeinden auch ausgewogen darzustellen. In
der BRÜCKE, den Gemeindebriefen und regionalen Veröffentlichungen
soll - verständlicherweise - möglichst nicht zu arg provoziert
werden. JedeR soll sich äirgendwie wiederfinden. Aber Provokationen
können auch positiv wirken, wenn sie sich nicht auf Personen beziehen,
sondern auf eine echte Auseinandersetzung in der Sache, wenn sie tatsächlich
ähervorrufen". Das ist ja vielleicht die größte Gefahr
unserer Zeit, das im Grunde alles im Individualismus endet. Du hast Deine
Meinung, ich habe meine, du gehörst zu dieser Sorte Mennoniten, ich
zu jener. Das war schon immer so, was soll"s?! - Die jg hat durchaus
das Potential und sollte es sich leisten, zu provozieren, sowohl in der
Themenwahl als auch in der jeweiligen inhaltlichen Ausgestaltung. Natürlich
muß eine Provokation gut begründet sein, wenn sie nicht als
Geschmacklosigkeit ankommen will. Darauf reagiert man/frau nämlich
einfach mit Kündigung des Abos. Die Frage ist, ob es genügend
AMG-Mennos gibt, die sich tatsächlich auch provozieren lassen. Ich
wünschte, wir wären uns das wert.
3. Die jg ist von Jungen (Meinungen) für Junge (Meinungen).
Seit ich die jg kenne, gibt es die Diskussion über die Zielgruppe.
Welches Alter will man erreichen? Der Anspruch steht scheinbar im krassen
Widerspruch zum Alter der Abonnenten. Aber ist das nicht ein Kompliment
an die älteren Semester unter uns? Zeigt das nicht die Bereitschaft
bei vielen, die nicht mehr 18 oder 20 sind, sich dennoch mit Meinungen
auseinanderzusetzen, die vielleicht nicht über Jahre immer nur wiederholt
werden, sondern tatsächlich auch äneu" sind? - Vielleicht
sogar von solchen Mennos dargestellt, deren Namen man noch nicht einmal
kennt? Ich will nicht nur Dinge lesen, bei denen ich denke: ja, das mußte
mal wieder gesagt werden. Ich will auch im mennonitischen Kontext von Meinungen
erfahren, die ich bis dahin nicht hörte. So ist die Frage der Zielgruppe
nicht so sehr eine Frage nach dem Alter, sondern m.E. eher eine Frage an
die Flexibilität in den Köpfen der AMG-Mennos. Die jg sollte
von jüngeren Menschen für Jüngere gemacht werden, damit
auch die Älteren wissen, was die Jungen denken und damit auch die
Älteren sagen können, was sie davon halten.
4. Die jg ist eine interaktive Zeitschrift.
Aus den oben genannten Thesen folgt diese: In der jg geht es nicht
primär um Wissensvermittlung, um Darstellung von Sachverhalten, um
Informationsweitergabe. Viel interessanter ist, wer sagt eigentlich was
zu welchem Thema? Wie wird ein Thema angepackt? Das reizt zur Diskussion.
Ich habe viele Namen in der Menno- Szene erst durch die Mitarbeit in der
jg kennengelernt. Und es war durchaus interessant, wenn dann bei irgendwelchen
mennonitischen Treffen jemand auf dich zukommt, dir freundlich die Hand
schüttelt, sich vorstellt und sagt: was Du da geschrieben hast, fand
ich aber gar nicht gut. (Es gab auch schon den umgekehrten Fall!). Daraus
ergaben sich dann oft interessante Gespräche, die über das small-talk-
Niveau weit hinausgingen. Solche Auseinandersetzung hilft, die eigene Meinung
zu schärfen und sie auch wiederum in Worte zu fassen. Darüber
hinaus lernt man die Vielfalt der Meinungen kennen und die Personen schätzen,
auch wenn sie einen anderen theologischen Hintergrund haben und eine völlig
andere Meinung vertreten. Neben dieser "Anstifterfunktion" war
es für mich aber auch die Arbeit im Redaktionsteam, die mich viele
wertvolle Kontakte knüpfen ließ. Daher ist es gut und wichtig,
daß im Redaktionsteam die unterschiedlichen regionalen Verbände
vertreten sind.
5. Die Qualität der jg hängt von ihren LeserInnen (= SchreiberInnen)
ab.
Die genannten Gründe lassen den Erhalt der jg notwendig erscheinen.
Dennoch sollte die jg kostendeckend arbeiten. Nicht immer, aber doch im
Großen und Ganzen. Die wenigen Mittel, die wir in der AMG aufbringen
können, sind an anderer Stelle mindestens genauso wichtig. Ich bin
davon überzeugt, daß die jg kein Zuschußunternehmen sein
muß, sie kann aus eigener Kraft leben. Aber dazu ist die Bereitschaft
zur Mitarbeit von uns allen nötig (sei es im Redaktionsteam, sei es
im Schreiben von Artikeln, sei es im Bezahlen von Abos). Nirgend sonst
hängt die Qualität einer Zeitschrift so stark von ihren Lesern
ab, wie bei der jg. Diese müssen sich engagieren und einbinden lassen
und nicht nur konsumieren wollen, nicht nur zu hause kritisieren oder -
was noch viel schlimmer ist - stillschweigend das Abo kündigen. Die
Zeiten werden härter für solche Blätter, aber die Notwendigkeit
dazu vielleicht um so dringlicher.
6. Die jg ist vielleicht das mennonitischste Blatt, das es gibt.
Die Junge Gemeinde verkörpert typisch mennonitische Werte, wie
aus den vorangegangen Überlegungen zu sehen ist: Als interaktive Zeitschrift,
die alles und alle zur Geltung bringen will; als Kommunikationsförderung
unter verschiedenen Arten von Mennoniten, die nicht voneinander lassen
wollen; als Begünstigerin von Doppelexistenzen von Lesern und Schreibern;
als immer mit der Frage beschäftigt, ob und wie es uns noch geben
muß (alle 5-7 Jahre); als immer mit ganzem Herzen geführte und
von Personen abhängige Institution; und schließlich als vielleicht
immer ein bißchen selbstüberschätzend (vgl. die hier angestellten
Überlegungen) und idealisierend - aber gerade darin sich selbst auch
anspornend zu Veränderungen.
Fernando Enns