Mennoniten - eine freie Kirche?

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    Die Mennoniten - von Anfang an Freikirche?
    Die Geschichte der 'Freiheit' vom Staat

      Wir Mennoniten sind eine Freikirche und ziemlich stolz auf unsere Freiheit, auf die strikte Trennung von Staat und Kirche, von politischer Ortsgemeinde und mennonitischer Kirchengemeinde. Was heute sozusagen Programm ist, war allerdings nicht von Anfang an so gedacht, wie ein Blick in die Entstehungsgeschichte des Täufertums zeigt.
      Aus einem Kreis von Theologen um Zwingli, die sich für die Ideen der Reformation einsetzten, hatte sich eine Gruppe radikaler Reformatoren gebildet, die unter anderem auf der Einführung der Gläubigentaufe bestand. Druck entstand auf den Stadtrat von Zürich durch Predigtstörungen dieser radikalen Reformer, weshalb am 17. Januar 1525 eine Taufdisputation in Zürich stattfand. Die Ablehnung der Kindtaufe wurde allerdings bereits im Vorhinein vom Rat als 'verirrte Meinung' bezeichnet, so dass das Ergebnis nicht verwundert: Die beiden Züricher Täuferführer Konrad Grebel und Felix Mantz erhielten Redeverbot und über ihren Bibelkreis wurde ein Versammlungsverbot verhängt. Nichtzüricher, die Mantzens Taufauffassung bei der Disputation vertreten hatten, wurden des Hoheitsgebietes der Stadt verwiesen.

      'Täuferische Volkskirchen' in der Nordostschweiz und in Waldshut
      Neben anderen mussten damit auch Wilhelm Reublin und Johannes Brötli die Stadt innerhalb von acht Tagen verlassen. Sie zogen nach Hallau, einem Ort zwischen Waldshut und Schaffhausen. Dort herrschte im Zusammenhang mit den Bauernaufständen im nahegelegenen Schwarzwald eine stark antiklerikale Stimmung, da man trotz drei Jahren Missernte in Folge den gewohnten Zehnten abgeben sollte. Auch der gerade auferlegten Oberherrschaft von Schaffhausen widersetzte man sich, so dass das auf grössere Selbstbestimmung der Ortsgemeinde zielende Programm der Täufer auf guten Nährboden fiel. Es kam zu einer Vermischung der geistigen Anliegen der radikalen Reformer mit wirtschaftlichen Interessen der Bauern, denn sowohl die Bauern als auch die Täufer hatten die örtliche Pfarrerwahl und die damit verbundene Aufhebung der Abgaben bzw. die örtliche Kontrolle des Zehnten auf ihrem Programm . Nachdem Brötli den Pfarrer des Ortes vertrieben hatte und sich selbst in der Kirche niederliess, kam es in Hallau zu einer Massenbewegung, die in die erste 'täuferische Volkskirche' einmündete. Bis April 1525 war fast die gesamte Gemeinde, die sich in der Folgezeit auch gewaltsam für den Schutz der beiden Täuferführer einsetzte, getauft.
      Für Reublin wurde Hallau Ausgangspunkt verschiedener Reisen, die ihn hauptsächlich nach Waldshut und Schaffhausen führten, um neue Täfergemeinden zu gründen.
      In Schaffhausen, wo auch Grebel Anfang des Jahres weilte, gelang ihm das allerdings nicht. Zwar hatte der dortige Pfarrer Sebastian Hofmeister einen täuferfreundlichen Standpunkt eingenommen, indem er die Kindertaufe ablehnte, zur Annahme und Durchführung der Erwachsenentaufe liess er sich letztendlich allerdings nicht bewegen. Aber auch so stiessen Hofmeisters radikale Reformvorstellungen, deren Umsetzung eine Schwächung des herrschenden Patriziats zur Folge gehabt hätten, beim Rat der Stadt auf heftige Gegenwehr. Gestützt wurde der Reformator in seinen Plänen hingegen von der Bevölkerung, die grüsstenteils der halbbäuerlichen Zunft der Rebleute angehörte. Die Winzer verweigerten ihren sonst jährlich üblichen Treueid zu Pfingsten, um zu erreichen, dass ihre Anliegen gehört würden. Da dies nicht geschah, liessen sich die Rebleute, die mit den Bauern aus Hallau militärische Verbindungen hatten, zu einem Aufstand provozieren. Dem Rat von Schaffhausen gelang es diese Erhebung zu unterdrücken, in Folge dessen Hofmeister Anfang August aus der Stadt vertrieben wurde.
      Erfolgreicher waren die Besuche Reublins bei Balthasar Hubmaier in Waldshut. Hubmaier hatte in Freiburg/Breisgau und Ingolstadt studiert und nach seiner Priesterweihe bei seinem Lehrer und Förderer Johann Eck zum Doktor der Theologie promoviert. Ende 1520 übernahm er die Pfarrstelle an der Marienkirche in der zu Österreich gehörenden Provinzstadt Waldshut. Hier wurde er mit den humanistischen Reformideen vertraut. Er widmete sich dem Studium der Schriften von Luther, Erasmus und Melanchton und nahm Kontakt zu Zwingli auf. Auf der zweiten Zürcher Disputation im Oktober 1523 begab sich Hubmaier ganz auf die Seite der Reformation. Aus Zürich zurückgekehrt, setzte Hubmaier sich in Waldshut für die Reformationsideen ein und gewann die gesamte Bevölkerung für sein Vorhaben. Das veranlasste die österreichische Regierung, die Auslieferung Hubmaiers zu fordern. Der Rat von Waldshut kam dieser Forderung jedoch nicht nach. Er unterstütze seinen Pfarrer und förderte die Durchführung der Reformation, so dass an Pfingsten 1524 die evangelische Predigt eingeführt wurde. Nachdem die Waldshuter Bauern im Sommer 1524 in die Stühlinger Bauernaufstände verwickelt wurden, drohte Erzherzog Ferdinand mit einem gewaltsamen Einschreiten in Waldshut, um Hubmaier festzunehmen. Daraufhin verliess der Reformator für einige Monate die Stadt, kehrte aber im Oktober 1524 wieder zurück. In der Folgezeit schritt die Reformation weiter voran, was unter anderem in Bilderstürmen und in der Reform der Messe zum Ausdruck kam. Bei seinem ersten Besuch Ende Januar 1525 versuchte Reublin noch vergebens Hubmaier für die Erwachsenentaufe zu gewinnen. Er war zu diesem Zeitpunkt noch sehr eng mit Zwingli verbunden, was in der Anwesenheit einer Zürcher Truppe in Waldshut zum Schutz gegen die Österreicher seit Ende 1524 zum Ausdruck kam. Hubmaier wollte die Schutzmacht durch voreilige Annahme der Erwachsenentaufe nicht verärgern und hoffte, dass auch Zwingli sich bald öffentlich gegen die Kindertaufe aussprechen würde. Erst nachdem sich Zwingli deutlich gegen die Erwachsenentaufe und für den Fortbestand der Kindertaufe eingesetzt hatte, liess sich Hubmaier kurz vor Ostern 1525 mit 60 Waldshutern von Reublin taufen. An Ostern taufte Hubmaier in der Waldshuter Kirche dann selbst 300 Erwachsene, darunter auch den Grossteil des Rates, indem er den Bürgern Wasser aus einem Milchkübel mit einer Schöpfkelle übergoss. Das Abendmahl hielt Hubmaier fortan als schlichtes Gedächtnismahl mit Fusswaschung.
      Der täuferische Anteil der Bevölkerung Waldshuts bildete rasch die Mehrheit, verbündete sich mit der Täufergemeinde Hallau und half den dortigen Bauern mit Schutztruppen gegen Schaffhausen. Die Beteiligung an militärischen Aktionen wurde als Pflicht angesehen und Bürger, die wie Jakob Gross und Ulrich Teck im Sinne Konrad Grebels aus Glaubensgründen nicht zu solchen Gewalttaten bereit waren, wurden aus der Stadt vertrieben.
      Das sich von Hallau aus verbreitende Täufertum fand auch in der ländlichen Umgebung St. Gallens grossen Anklang. In St. Gallen selbst wurde die Reformation durch eine breite Laienbewegung getragen, die sich nach Zürcher Vorbild in einem Bibelkreis sammelte. Die Bibelstunden fanden hier jedoch öffentlich in einer Kirche statt und waren vom Stadtrat ausdrücklich gebilligt. Zum Auseinanderbrechen der Reformationsbewegung kam es hier erst im Frühjahr 1525. Grebel versuchte zu dieser Zeit, nach seinen vergeblichen Bemühungen in Schaffhausen, die täuferische Reformation in St. Gallen einzuführen. Während einige Reformatoren Zwingli die Treue hielten, liessen sich zweihundert andere taufen. Trotzdem behielten die gemässigten Reformatoren in St. Gallen die Oberhand und konnten einen Aufstand verhindern.
      Anders entwickelte sich die Situation in den nahegelegenen Landgemeinden von Appenzell, wohin die täuferischen Ideen von St. Gallen aus getragen wurden. In Tablat wählte die Gemeinde an Pfingsten den Hilfslehrer Hans Krüsi zum Pfarrer. Dieser führte in Tablat eine täuferische Reformation, ähnlich der in Waldshut und Hallau, durch, indem er die Kirche von Bildern reinigte, das reformierte Abendmahl austeilte und die meisten Erwachsenen taufte. Er ermutigte ausserdem die Bevölkerung zur Verweigerung des Zehnten und übte ein Handwerk aus, um sich selbst zu ernähren. Obwohl sich die Bevölkerung zum Schutz ihres Predigers vor Gefangennahme verpflichtete und auch einige Versuche der Gefangennahme gewaltsam unterbinden konnte, wurde Krüsi Ende Juli verhaftet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
      Nach dem Zusammenbruch der deutschen Bauernaufstände konnten auch Hallau und Waldshut ihren Widerstand gegen ihre Oberherren nicht lange aufrecht erhalten, so dass sich im Dezember 1525 beide Orte ergaben. Damit waren Ende 1525 die drei täuferischen Volkskirchen in Hallau, Waldshut und Tablat zerschlagen, wobei die Täuferführer Brötli, Reublin und Hubmaier rechtzeitig vor der Kapitulation fliehen konnten.

      Täuferische Volkskirchen in Mähren und Münster
      Andere Gebiete, in denen es in der Folgezeit weitere Versuche von Täufern gab, die radikale Reformation in der Gesellschaft einzuführen, erwähne ich nur kurz. Von Nikolsburg aus, wohin Hubmaier gezogen war und wo es bereits 1527 10.000 Täufer gegeben haben soll, verbreitete sich das Täufertum auch in Teilen von Mähren: In Austerlitz und Rositz wurden täuferische Gemeinden gegründet, die wegen materieller Not Gütergemeinschaft praktizierten. Aus ihnen entwickelten sich unter der prägenden Führung des Tiroler Täuferführers Jakob Huter die Hutterer.
      Der wohl bekannteste Versuch zur Einführung einer täuferischen Volkskirche fand in Münster statt. Die Täufer bekamen dort im Februar 1534 eine Mehrheit im Stadtrat und vertrieben in der Folgezeit alle Nichttäufer. Das am Ende nur noch mit Gewalt aufrechtgehaltene Täuferreich war jedoch nicht von langer Dauer. Die Stadt wurde von den Truppen des katholischen Bischofs belagert und im Mai 1535 schliesslich zurückerobert.
      Die Trennung von Staat und Kirche, die heute grundlegendes Element unserer Freikirche ist, war also nicht von Vornherein eine Bedingung der Täufer. Sie ergab sich erst im Laufe der Zeit: Durch das Scheitern etlicher Versuche, eine täuferische Volkskirche einzuführen, musste man erkennen, dass man die politisch Verantwortlichen nicht von den täuferischen Ideen überzeugen konnte. Die grausamen Verfolgungen der Täufer durch den Staat liessen den Täufern keine andere Möglichkeit, als sich von ihm abzuwenden. Der Rückzug der Täufer aus der Gesellschaft und damit die rigorose Trennung von Staat und Kirche der Täufer war sozusagen vom Staat erzwungen worden.

      Literaturhinweis zum Artikel: Umstrittenes Täufertum 1525-1975 (Hrsg.: H.-J. Goertz) S. 19-49: James M. Stayer 'Die Anfänge des schweizerischen Täufertums im reformierten Kongregationalismus', Göttingen 1977.

      Patrick Schmidt


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