Und es gibt mich doch!
Rainer W. Burkart über seine Rolle als Pastor in einer mennonitischen Gemeinde
Vor Jahren geschah es bei einer mennonitischen Beerdigung in einem katholischen Umfeld in
Bayern. Die katholischen BesucherInnen der Feier standen vor der überfüllten katholischen
Kirche zusammen mit der angetretenen Musikkapelle und den diversen Vereinen mit ihren
Fahnen. Sie warteten darauf, dass ein Pfarrer aus der Kirche käme, hinter dem sie sich dann
auf dem Weg zum Friedhof hätten einreihen können. Aber es kam keiner; zumindest kein
für alle sofort erkennbarer.
Es gab Verwirrung und Durcheinander. Und zu allem Überfluss sprach dann auf dem
Friedhof wieder ein anderer als in der Kirche. Ein Mennonitisches Gemeindeglied
belauschte zwei verwirrte Katholiken. Der eine fragte den anderen: "Haben die denn keinen
Pfarrer?" Hierauf der andere: "Nein, die begraben sich selber!"
Als Pastor bin ich ein Glied der Gemeinde Jesu Christi. Ich bin zusammen mit allen anderen
Gliedern der Gemeinde auf dem Weg des Glaubens und der Nachfolge.
Andere Männer und Frauen in der Gemeinde sind ebenso wie ich von Gott geschaffen nach
seinem Bilde und sind mit dem gleichen Geist Gottes begabt. Ich bin kein besserer Christ als
sie und stehe auch nicht über ihnen. Ich habe ihnen im Verhältnis zu Gott nichts voraus, sie
mir auch nichts.
Manchmal habe ich allerdings den Eindruck: eigentlich dürfte es mich in der Form, wie ich
existiere, gar nicht geben - jedenfalls nicht nach radikal-täuferisch-antiklerikal-
mennonitischem Verständnis, wonach die Gemeinde aus sich heraus einen Menschen zum
Ältesten oder Prediger oder Lehrer oder Hirten bestimmt.
So hat es zwar einmal bei mir angefangen - ich bin in meiner Heimatgemeinde Regensburg
zusammen mit mehreren anderen Personen zum Prediger gewählt worden - aber nach
meinem theologischen Examen, ging ich hauptberuflich als angestellter Pastor in den
Gemeindedienst.
Manchmal hatte ich im Laufe der Jahre den Eindruck, als sei das auf eine ganz sonderbare
Weise anstößig für einige Menschen in unseren Gemeinden. Ihre Interpretation der
mennonitischen Identität sagt ihnen eigentlich, dass in der Gemeinde alle befähigt sind zu
dem, was ich nun hauptberuflich und dafür bezahlt tue: Predigen, Unterrichten, Taufen,
Beerdigen, Trauen, Bibelstunden halten, Seelsorge üben, Abendmahl halten usw.
Darf es mich überhaupt geben?
Und so sehen sie in einem wie mir die Personifizierung des spätmennonitischen Abfalls von
den täuferischen Idealen. Gleichzeitig spüren sie aber, dass sie selbst sowohl zu wenig Zeit
als auch zu wenig Ausbildung haben, um diese Arbeit zufriedenstellend tun zu können;
weshalb sie sich einen wie mich leisten müssen - notgedrungen sozusagen. Dieser
Sachverhalt kann durchaus zu Konflikten führen. Allzuleicht wird hier die Unzufriedenheit
mit der eigenen als zu wenig "täuferisch" empfundenen Situation auf die Person des
angestellten Predigers oder der angestellten Predigerin projiziert. Ganz zu schweigen von
Ängsten im Blick auf die eigene Position in der Gemeinde. Die Frage der Machtposition
spielt hier durchaus eine Rolle.
Andererseits gibt es natürlich auch das extreme Gegenteil. Das sind die Menschen in
unseren Gemeinden, die ganz merkantil davon ausgehen, dass diejenige Person, die dafür
bezahlt wird, dann auch eigentlich alles zu machen habe: jeden Sonntag predigen, die ganze
Seelsorgearbeit, allen Unterricht, die ganze Verwaltung usw. "Wofür wird er oder sie denn
sonst bezahlt?"
Zwischen beiden Polen bewegt sich meine Existenz als hauptberuflich angestellter
mennonitischer Pastor. Hier habe ich meinen Standpunkt und meinen Weg immer wieder
neu zu finden und zu definieren.
Gut reformatorisch gehe ich vom Priestertum aller Glaubenden aus. Danach gibt es in der
Gemeinde Jesu Christi keine besonders herausgehobenen Menschen, die im Unterschied zu
anderen bestimmte Dinge tun dürfen. Grundsätzlich ist jeder Dienst für jedes Gemeindeglied
offen. Das unterscheidet uns ganz wesentlich von katholischer oder orthodoxer Theologie.
Was mich von anderen Gemeindegliedern wesentlich unterscheidet ist meine Ausbildung
und - in den allermeisten Fällen - die Tatsache, dass ich meine ganze Arbeitskraft und
Arbeitszeit den gemeindlichen Aufgaben widmen kann, während andere eben anderswo
arbeiten und ihr Geld verdienen.
Und diesen Ausgangspunkt gilt es auch immer wieder in den Blick zu nehmen.
Diese biblisch begründete Position (1. Petr. 2 u.a.) ist natürlich im Zusammenhang der
unterschiedlichen "Gnadengaben", wie Paulus sie treffend nennt, zu sehen (1. Kor. 12). Wer
rhetorisch unbegabt ist, sollte besser nicht predigen. Wer nicht logisch denken kann, sollte
besser nicht theologische Sachverhalte anderen erklären wollen. Wer nicht mit Menschen
umgehen kann, sollte nicht Seelsorge treiben usw.
Dazu kommt dann allerdings noch die Möglichkeit der Aus- und Weiterbildung (Studium,
Praktikum, Vikariat etc.) und natürlich die Lebenserfahrung.
So wie es im Laufe der Zeit in allen gesellschaftlichen Bereichen zur Arbeitsteilung und
Auffächerung bzw. Spezialisierung der Aufgaben gekommen ist, ist es auch in der
Gemeinde geschehen.
Wie sehe ich nun meine Position im Verhältnis zu den übrigen Gemeindegliedern?
Begleiter
Wenn ich oben gesagt habe, ich bin mit ihnen unterwegs, so muß ich nun deutlicher sagen:
ich begleite sie auf dem Weg des Glaubens und der Nachfolge. Das beschreibt eine
Spannung, die in diesem Beruf (bei dieser Berufung) immer da ist: einer der mitgeht, der
aber gleichzeitig immer wieder aus diesem Mitgehen heraustritt und z.B. den Weg weist
oder den Weg kommentiert, der anderen, die auf Umwege oder Abwege geraten nachgeht
und auch sie begleitet - sofern sie es akzeptieren, einer der denjenigen aufzuhelfen versucht,
die fallen usw. Das bedeutet in keinem Fall, dass ich in dieser Gemeinschaft der Einzige
bin, der die beschriebenen Dinge tut. Ich tue es mit anderen gemeinsam. Selbstverständlich
werde auch ich begleitet von anderen Brüdern und Schwestern in der Gemeinde. Und doch
ist meine Rolle eine besondere. Ich bin dazu beauftragt und angestellt. Ich bin also zunächst
ein Begleiter.
Seelsorger, "einer, der da ist"
Der Rolle des Begleiters am engsten verwandt ist die Rolle des Seelsorgers oder der
Seelsorgerin.
Das ist eigentlich der Aspekt meines Berufes, der, wie kaum ein anderer, alle anderen
Bereiche berührt und durchdringt. Dazu gehört, dass ich Gemeindeglieder und oft auch
andere Menschen wie z.B. Angehörige von Gemeindegliedern besuche. Häufig sind diese
Menschen dann nicht in erfreulichen, sondern in besonders schwierigen oder gar
krisenhaften Lebenssituationen. Sie liegen im Krankenhaus oder haben gerade einen
Angehörigen durch den Tod verloren oder sie befinden sich in einer Sinnkrise oder sie
haben den Glauben verloren.
Hier gilt es zunächst einmal, da zu sein. Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen froh
sind über meinen Besuch, auch wenn ich bisweilen danach kritisch frage, was ich denn nun
geleistet habe.
Hier kommt eine Dimension zutage, die sich meinem Einfluss entzieht und die auch
diametral dem entgegensteht, was vom bereits erwähnten Priestertum aller Glaubenden her
gilt: Menschen möchten in bestimmten Situationen nicht einfach irgendjemanden aus der
Gemeinde, sondern den Pastor bzw. die Pastorin. Es ist, als ob sie dann mit meiner
Anwesenheit die Gegenwart Gottes spüren oder irgendwie gedanklich oder gefühlsmäßig in
Verbindung bringen. Und es nützt überhaupt nichts, dies dann herunterzuspielen oder eine
theologische Diskussion anzufangen über das Priestertum aller Glaubenden. Hier gilt es, die
Rolle, die einem zuwächst oder einem zugetraut wird, auszufüllen so gut man kann; auch
dann, wenn das, was die Menschen in einen hineinprojizieren an Hoffnungen, an Sehnsucht
nach der Begegnung mit dem Heiligen oder an Gottesnähe, mich erschrecken. Es gibt
Lebenssituationen, in die wir als Seelsorgerinnen und Seelsorger hineinkommen, gerufen
oder zufällig, in denen wir mit unserem ganzen Sein die Nähe Gottes verkörpern.
Ob uns das gefällt oder unserer theologischen Überzeugung entspricht, werden wir nicht
gefragt.
Dazu gehören dann neben der einfachen Präsenz oder dem Gespräch unter Umständen auch,
dass ich fähig bin, in eine chaotischen Situation z.B. durch ein Gebet und/oder durch eine
liturgische Handlung (Segensgesten in ihren vielfältigen Formen) einen gewissen Grad an
Ordnung und Geborgenheit zu bringen. Die Klinikseelsorgeausbildung, die Berufserfahrung
und nun neu die Weiterbildung in der Notfallseelsorge, die wir gerade ökumenisch im Kreis
Neuwied aufbauen, haben mir diese Dimension immer wieder gezeigt.
Es erübrigt sich wohl, zu sagen, dass Seelsorge für mich nicht einfach nur eine besondere
Form der Predigt ist. Sie hat schon gar nichts mit Moralpredigt zu tun, bei der ein
"moralisch höherstehender Prediger" einem "moralisch niedrigerstehenden" anderen
Gemeindeglied eine Gardinenpredigt hält.
Alle moralisch-ethischen Werte, die ich von meinem Glauben her habe, bringe ich zwar mit
in jede seelsorgerliche Begegnung. Aber ich darf sie nicht einfach zum Maßstab machen für
andere.
Und ich darf vor allem nicht den Eindruck erwecken, als sei ich ein moralisch
vollkommenerer Mensch - wenngleich sich nicht wenige Menschen genau das von ihrem
Pastor oder ihrer Pastorin wünschen. Gerade das seelsorgerliche Handeln in diesem Beruf
muß geprägt sein vom Glauben an einen Gott, der die Liebe ist.
Dolmetscher, Lehrer und Coach, Repräsentant
Weiter bin ich ein Interpret oder Dolmetscher der biblischen Botschaft und des christlichen
Glaubens. Selbst wenn auch hier wieder gilt, dass alle Christinnen und Christen als mündige
Glieder am Leib Christi die Bibel auslegen können und es ja auch tun, gibt es jedoch kein
Gemeindeglied, das so häufig und so öffentlich diese Aufgabe wahrnimmt.
Es ist meine Hauptaufgabe, die Bibel auszulegen und die Botschaft der biblischen Autoren
aus ihrer Sprache und Zeit in unsere Sprache und Zeit zu übertragen. Dabei ist mir meine
Ausbildung, das Handwerkszeug, das ich mir im Studium angeeignet habe, eine
unschätzbare Hilfe; auch weil es mir erlaubt und mich zwingt, meine eigene Auslegung und
die Auslegung anderer immer wieder kritisch zu hinterfragen. Dazu gehören Sprach- und
Bibelwissenschaften, Predigtlehre und systematische Theologie ebenso wie die Kenntnis der
Kirchengeschichte, die mir zeigt, welche Wege, Irrwege und Umwege in der
Kirchengeschichte in dieser oder jener Frage bereits gegangen wurden.
Zu dieser Aufgabe des Interpreten oder Dolmetschers gehört dann auch die des Lehrenden.
Immer wieder bin ich in Lehrsituationen. Nicht nur ganz formal in der Unterweisung von
Jugendlichen oder Erwachsenen auf dem Weg zur Taufe, sondern schnell auch in
Gesprächen bei Besuchen, wo es um Themen geht, zu denen ich aufgrund meines Wissens
bzw. meiner Ausbildung und Berufserfahrung etwas zu sagen habe. Manche benutzen hier
seit neuestem den Begriff des Trainers oder des Coach. So ganz kann ich mich damit nicht
anfreunden. Es klingt mir zu sehr nach großer Kraftanstrengung. Aber der motivierende und
ermutigende Part darin ist mir sympathisch.
Auch im öffentlichen oder ökumenischen Bereich kommt die Lehrsituation oft vor, wenn ich
z.B. über die Mennoniten zu informieren habe oder mennonitische Positionen im Vergleich
zu anderen Kirchen erklären muß. Hierhin gehört dann auch die Rolle eines
Repräsentanten.
Leiter
Meine derzeitige Gemeinde hat es ausdrücklich in ihrer Satzung festgelegt: ich habe als
leitender Prediger Leitungsfunktion. Auch wenn Pastoren und Pastorinnen nicht
gleichzusetzen sind mit der Leitung der Gemeinde, so haben sie allein durch ihr Wissen und
ihren Einblick in viele Bereiche der Gemeindearbeit, zumindest Anteil an der Funktion der
Leitung. Leitung ist nichts negatives, es ist nicht gleichzusetzen mit Diktatur des Einzelnen
oder der Wenigen. Leitung ist aber in jeder Gemeinde nötig. Ich halte es für sinnvoll, dass
ich als Pastor zum Kreis der Leitenden gehöre. Aber ich bin in diesem Kreis einer unter
mehreren. Neben meinem theologischen oder seelsorgerlichen Sachverstand haben auch
andere Verantwortliche ein gerüttelt Maß an Einsichten in theologische und seelsorgerliche
Fragen. Daneben gehört zur Gemeindeleitung Wissen und Erfahrung in sehr
unterschiedlichen Bereichen und vor allem immer wieder gesunder Menschenverstand. So
ist Leitung der Gemeinde für mich nur im Team denkbar.
Nur einer unter vielen?
Als Pastor bin ich einer unter vielen in der Gemeinde. Und dennoch bin ich in einer
besonderen Situation. Ich bin wirtschaftlich abhängig von den übrigen Gemeindegliedern, da
sie mein Gehalt finanzieren und ich ihr Angestellter bin.
Ich werde umworben von manchen, die mich in bestimmten Fragen in der Gemeinde auf
ihrer Seite haben wollen oder sich mit meiner Freundschaft schmücken möchten. Ich
schließe Freundschaften und muß dann u.U. feststellen, dass andere mir mißtrauen, weil ich
gerade mit dieser oder jener Person befreundet bin.
Meine Familie ist grundsätzlich immer mitbetroffen. Sie ist einerseits eine Familie unter
vielen in der Gemeinde, andererseits ist sie es doch nicht. Hier einen Weg zu finden, der
zufriedenstellend gangbar ist, ist schwierig.
Zu meinem Dienstantritt in meiner jetzigen Gemeinde schenkte mir ein älterer Kollege, mit
dem mich eine langjährige Freundschaft verbindet und der viele Jahre in mennonitischen
Gemeinden gearbeitet hat, eine Karte mit einem Text, der mich zunächst erschreckte, der
mir aber immer verständlicher wird. Ich habe die Karte bis heute vor mir auf meinem
Schreibtisch stehen und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich sie nicht sehe.
Darauf steht zu lesen:
"Wenn du hundert Leute vor dir hast, mit denen du es zu tun haben wirst, dann rechne
damit, dass du es fünfzig davon nie recht machen wirst. Sie wirst du niemals
zufriedenstellen mit dem, was dir an Können, Wissen und gutem Willen zur Verfügung
steht.
Von den anderen fünfzig werden vierzig dich bewundern. Sie werden dich wählen und
loben und auch beneiden. Traue ihnen etwas zu, aber vertraue dich selbst ihnen nicht an.
Halte Abstand zu ihnen, denn sobald dir etwas misslingt oder du Schwäche zeigst, werden
sie schadenfroh auf dich sehen.
Die zehn aber, die noch übrig sind, mit denen kannst du arbeiten. Sie kannst du
zufriedenstellen und sie werden auch zu dir stehen.
Und unter diesen zehn wird einer sein, der dir Freund wird."
Das mag nicht ganz zu unserer täuferisch-mennonitischen Gemeindetheologie passen, aber
für meinen Beruf als Pastor ist es mir hilfreich.
- 1980 bis 1987 Studium der Theologie an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau, dem Associated
Mennonite Biblical Seminary Elkhart (USA) und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
- 1983 und 1988 Zusatzausbildung in Klinischer Seelsorge an der Universitätsklinik Würzburg
- 1983 bis 1987 ehrenamtlicher Prediger in der Mennonitengemeinde Regensburg
- 1987 bis 1993 Pastor der Mennonitengemeinden Frankenthal-Eppstein, Ludwigshafen und Worms-
Ibersheim.
- 1993 bis 1997 Freikirchlicher Referent in der Ökumenischen Centrale der Arbeitsgemeinschaft Christlicher
Kirchen in Deutschland in Frankfurt am Main
Rainer W. Burkart (Leitender Prediger in der Evangelischen Mennoniten Gemeinde Neuwied)