Katholisches Schuldbekenntnis

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    Lieber Bruder Johannes Paul II.,

    11. April 2000

    erlauben Sie uns diese Anrede als Zeichen geschwisterlicher Verbundenheit in unserem gemeinsamen Herrn Jesus Christus.

    Sie haben sich am 12.3.2000 mit einem Schuldbekenntnis und der Bitte um Vergebung an die öffentlichkeit gewandt. Wir begrüßen Ihre Bereitschaft, sich historischer Schuld zu stellen und an ihrer überwindung zu arbeiten. Wir stimmen Ihnen zu, "dass die Wahrheit sich nur mit der Kraft der Wahrheit selbst durchsetzt." Dazu gehört, dass wir uns der Wahrheit stellen, auch dass wir verschiedene Perspektiven wahrnehmen. Die Blickwinkel von Opfern und Tätern unterscheiden sich wesentlich. Vergebung und Versöhnung haben dort eine Chance, wo Opfer und Täter oder deren Nachfahren aufeinander zugehen.

    Ihre Formulierungen waren in Gebetsform gehalten, so dass Ihnen angemessenerweise darauf nur Gott antworten kann. Wir hoffen und beten, er wird es in seiner Weisheit, Güte und Liebe tun. Wir hoffen, er wird unüberhörbar sprechen zu den Sünden und Verbrechen der Kirchengeschichte. Wir hoffen, er wird dies tun in einem Gesprächsprozess, von Christen und Kirchen, Nichtchristen, Nachkommen von Opfern und Tätern. Ein solcher Gesprächsprozeß ist zwischen Vertretern mennonitischer Gemeinden und der katholischen Kirche schon im Gang. Umso mehr verwundern uns einige Formulierungen Ihres Gebetes.

    Als Mennoniten und Mennonitinnen gehören wir zu einer Kirche, deren Glieder in ihrer Entstehungszeit im 16. Jahrhundert als "Ketzer" verfolgt wurden. Einige Tausend sogenannte Wiedertäufer und Wiedertäuferinnen wurden verbrannt, ertränkt, gehängt, gerädert, geköpft, gepfählt ... Tausende wurden "nur" vertrieben, gefangen gesetzt, gefoltert ... ähnliches geschah durch die Jahrhunderte mit anderen christlichen Reformbewegungen, die von Ihrer Kirche zu "Ketzern" erklärt wurden. Warum findet sich davon kein Wort in ihrem Schuldgebet?

    Sie stellen fest, dass es im "Dienst der Wahrheit" zu schuldhaftem Handeln gekommen sei. Sie erbitten von Gott, für jeden Katholiken/Katholikin die Einsicht, "dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen."

    Bruder Johannes Paul, "auch" und "mitunter" gibt es überall und das sollte bedauert und bereinigt werden. Es geht jedoch um die institutionelle Schuld der Kirche, die sie spätestens seit dem Bündnis mit Kaiser Konstantin angefangen hat anzuhäufen. Es geht nicht um einige oder viele fehlgeleitete Schafe, sondern um Verbrechen, die meist zusammen mit dem Staat oder anderen Gewaltträgern nicht nur begangen, sondern auch geplant und angestiftet wurden. Die bekanntesten Beispiele sind die "Ketzer"-Vernichtung und die Kreuzzüge. Anderthalb Jahrtausende hat die katholische Kirche als Institution(!) alles getan, um ihre Macht und Herrschaft zu sichern. Sollen wir die Abertausende Opfer der Kirche seit dem 3. Jahrhundert wirklich nur als bedauerliche aber notwendige "Kollateralschäden" im Einsatz für die Wahrheit verstehen?

    Wir sehen hinter solchem Denken eine Struktur der Gewalt. Die Wahrheit wird zum Besitz, der verteidigt werden muss. Menschen werden zum Opfer im Kampf für die Wahrheit. Seit dem Opfer Christi sollte das vorbei sein. Wir dürfen nicht mehr andere zum Opfer machen, egal im Dienst welcher Wahrheit, welcher Interessen und wie nebenbei auch immer. Wir können uns höchstens wie Christus selbst zum Opfer geben.

    Die Schuld fehlgeleiteter einzelner geht vor allem diese und Gott etwas an. Die Kirche muß sich jedoch der Schuld der Kirche stellen, der Schuld ihrer Amtsträger, der Schuld der Päpste, Kardinäle, Bischöfe ... der Schuld der Institution Kirche. Indem jetzt einzelne für historische Schuld verantwortlich gemacht werden, indem Sie für diese einzelnen Christen um Vergebung bitten, besteht die Gefahr, diese zu Sündenböcken für historische Verbrechen der Institution Kirche zu machen. Stellvertretend für menschliche Schuld ist Jesus Christus ans Kreuz gegangen. Es braucht keine weiteren stellvertretenden Opfer.

    Ist die Grundsünde der Institution Kirche nicht immer wieder ihre Untreue zu Jesus? Die Lehren Jesu wurden in ihr Gegenteil verkehrt. Menschen wurden mit Gewalt missioniert. Die Kirche herrschte mit den Mächtigen und Reichen, statt sie zur Umkehr zu rufen und wirkte an der Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen mit, statt mit den Armen zu leiden. Und wenn Bewegungen entstanden, die die Frohe Botschaft von Vergebung und Frieden in Christus neu verstanden und lebten, wurden diese in Klöster abgedrängt oder physisch vernichtet.

    1.500 Jahre lag die von den Mächtigen überaus geschätzte gesellschaftliche Funktion der Kirche darin, Herrschaft, Gewalt und Ausbeutung zu stützen und zu rechtfertigen. Dem entsprach ihre innere hierarchische männerdominierte Struktur.

    Auch wir sehen uns nicht ausgenommen aus dem Zusammenhang der Sünde. Auch als Mennonitengemeinden sind wir Jesus untreu geworden. Wir haben unsere friedenskirchlichen Wurzeln zeitweise vergessen. Etwa in unserem Versagen, den falschen Heilslehren des "3.Reiches" zu widerstehen.

    Sollte es wirklich um die Aufarbeitung historischer Schuld gehen und nicht nur um einen Schlussstrich vor dem Eintritt ins 3. Jahrtausend, dann wären folgende Fragen zu stellen.

    Können Institutionen Schuld auf sich laden?
    Vom biblischen Zeugnis her, wäre der Frage nachzugehen, inwiefern das Handeln Gottes mit seinem Volk ein Beispiel bietet. Durch seine Propheten sprach Gott durchaus die Schuld seines Volkes im historischen Kontext an, gab aber auch Verheißungen für Vergebung und Befreiung.

    Können Institutionen Schuld bekennen, kann ihnen Schuld vergeben werden?
    Nein, nur Menschen können Buße tun, Vergebung erfahren. Aber Menschen leben in Gemeinschaft und schaffen Institutionen, um ihr Zusammenleben zu ordnen. Und Menschen können für die im Namen einer Gemeinschaft oder Institution begangene Sünde um Vergebung bitten. Ein mutiges Bekenntnis zur Schuld der Institution Kirche kann bei den Nachkommen von Tätern und Opfern den Weg zu Vergebung und Versöhnung öffnen.

    Lieber Bruder, wir erkennen in Ihrem Reden und Handeln den Willen zu Umkehr und Versöhnung. Ihre Initiative ermutigt uns, die schmerzliche Vergangenheit anzusprechen. Wir hoffen auf weitere Schritte, sei es in der bestehenden Dialoggruppe, sei es in anderen Zusammenhängen.

    Mit geschwisterlichem Gruß,

    • Matthias Böhm, Vorsitzender Ausbildungs- und Tagungsstätte Bienenberg
    • Frieder Boller, Pastor der Mennonitengemeinde Ingolstadt
    • Ingeborg Dettweiler, Mennonitengemeinde München
    • Heinrich Funck, Ältester der Mennonitengemeinde Ingolstadt
    • Otto Funck, Prediger der Mennonitengemeinde Bad Königshofen,
    • Christian Gerber, Inspektor Bundesamt für zivile Luftfahrt, Lausen, Schweiz
    • Hans-Otto Harder, Mennonitengemeinde Kohlhof
    • Holger Hermann, Mennonitengemeinde Deutschhof
    • Brunhilde Horsch, Schwandorf
    • Dankwart Horsch, Schwandorf
    • Dr. Klaus Jansson, stellvertr. Vorstandsvorsitzender der Mennoniten-Gemeinde Frankfurt a.M.
    • Mark Jantzen, Berlin
    • Dr. Hanspeter Jecker, Theologisches Seminar Bienenberg, Liestal/Schweiz
    • Wilfried Jotter, Vorsitzender des Deutschen Mennonitischen Missionskomitees.
    • Peter Kipfer, Redaktor der PERSPEKTIVE, Zeitschrift der Mennoniten der Schweiz (Alttäufer)
    • Martin Kramer, Bankangestellter, Muttenz, Schweiz
    • Wolfgang Krauss, Mitarbeiter des Deutschen Mennonitischen Friedenskomitees
    • Artur Landes, Vorsitzender Mennonitengemeinde Ingolstadt
    • Diether Götz Lichdi, Schriftleiter des Mennonitischen Jahrbuchs, Heilbronn
    • Jürgen Moser, Pastor der Mennoniten Brüdergemeinde München
    • Klaus Muselmann, Mitglied im Konferenzkommitee Süddeutscher Mennonitengemeinden, Aschaffenburg
    • David Neufeld, Redakteur der täuferisch-mennonitischen Gemeindezeitschrift "Die Brücke"
    • Dr. Bernhard Ott, Studienleiter des Theologischen Seminars Bienenberg, Liestal, Schweiz
    • Jürg Rindlisbacher, Mitarbeiter der Konferenz der Mennoniten der Schweiz
    • Fritz Röthlisberger, Mitglied der Alttäufergemeinde Emmental, Langnau, Schweiz
    • Elisabeth Rudolph-Moser, München
    • Reinhilde Salzmann, Ingolstadt
    • Peter Scheffler-Kroeker, Pastor der Evangelischen Freikirche Möckmühl (Mennonitengemeinde)
    • Michel Sommer, Prediger der Mennonitengemeinde Strasbourg/Frankreich
    • Christina Stobbe, Aachen
    • Gerhard Suttor, Prediger der Mennonitengemeinde Ingolstadt
    • Rosemarie Wienss, Lehrerin, Bad Kreuznach

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