Mexiko


    Kampf zwischen Bewahrung und Erneuerung

    Artikel von Jens Holst aus junge welt vom 8.8.1998

    Mennoniten in Mexiko: Die Zeit blieb stehen

    Von Jens Holst

    Schoenthal: Mühsam schiebt sich die Sonne über den Horizont. Wie ausgestorben liegt das Dorf im klaren Morgenlicht. Nur die geöffneten Fensterläden der unscheinbaren grauen Kirche verraten, daß jemand hiergewesen sein muß. Sechs arbeitsreiche Tage bleiben die mennonitischen Gotteshäuser verdunkelt. Nur am heiligen Sonntag dringt Licht in das schmucklose Innere. Es dauert noch eine Weile, bis sich die ersten Autos mit Kirchgängern nähern. Die Männer tragen dunkle Anzüge und Strohhüte, die Frauen lange schwarze Sonntagskleider und bunt bestickte Hauben über strengen Mittelscheiteln. Sie verschwinden durch einen Seiteneingang, getrennt von den Männern.

    Schnurstracks gehen die Gläubigen zu ihren Stammplätzen und nehmen auf den schlichten Holzbänken Platz. Die Frauen sitzen links, die Männer rechts, dazwischen der Mittelgang mit einem gußeisernen Ofen.

    Der vierköpfige Männerchor stimmt ein monotones Lied an. Die Gesangsbücher, die alle traditionell lebenden Mennoniten sonntags nicht aus der Hand legen, werden aus der schwarzen Kartonhülle gezogen und aufgeklappt. Dann steigt der Prediger auf die Kanzel und beginnt seine einstündige Sonntagsansprache. In kehligem, eintönigem Singsang liest er der Gemeinde ordentlich die Leviten. Immer wieder läßt er zwischen Bibelzitaten drohende Worte erklingen: »Jesus, befreie uns von der Lust und den Verstrickungen der Verdammnis und Finsternis!«

    Die Menschen sollen sich den Freuden des Lebens verschließen und in aller Bescheidenheit Gott dienen. Dessen Strafe schwebt wie ein Damoklesschwert über den Häuptern der versammelten Menschen.

    Die Mehrheit der Gemeindemitglieder versteht die Botschaft aber gar nicht. Denn weder das lutherische Deutsch der Sonntagspredigt noch das heutige Hochdeutsch sind ihre Sprachen. Die meisten traditionellen Altkolonisten sprechen nur das friesische Platt ihrer Vorfahren. Im Grenzgebiet zwischen der Bundesrepublik und Holland war Anfang des 17. Jahrhunderts die mennonitische Bewegung entstanden. Zur Zeit der Reformation hatte Religionsgründer Menno Simons die strikte Einhaltung der Zehn Gebote gelehrt. Wie Martin Luther geriet er damit in Konflikt mit der autoritären Amtskirche. Bis heute lehnen seine Anhänger jede staatliche Kontrolle ab, verweigern den Kriegsdienst, bestehen auf ihrer eigenen Schulbildung und erlauben keine Kindertaufe.

    Abgeschottet vom Rest der Welt

    Strassburg: Georg Reimer läuft geschäftig zwischen seinem Buchladen und dem angrenzenden Büro hin und her. Die Begrüßung ist unverbindlich, aber auch unerwartet herzlich: »Möchten Sie gerne eine e-mail nach Deutschland schicken?« Damit hatten wir bei den Mennoniten nun wirklich nicht gerechnet. Im Büro arbeitet Reimers Mitarbeiterin Elena Krahn an einem modernen PC, an dem sie jede Woche die Menno-Zeitung erstellt. Reimer, der erst vor wenigen Jahren aus Kanada nach Nordmexiko gezogen ist, kennt keine Berührungsängste mit moderner Technologie. Die mennonitische Identität hängt für ihn nicht am Verzicht auf die Errungenschaften der Welt. Viel wichtiger sind ihm Aufklärung und vor allem Schulbildung für Kinder und Jugendliche.

    So druckt er in seinem kleinen Betrieb neben der Bibel, Religions- und Geschichtsheften vor allem Schulbücher. Aus der Kritik an seinen Glaubensbrüdern und -schwestern macht er kein Hehl: »Nirgends ist es so materialistisch wie bei den Mennoniten in Mexiko! Was Geld bringt, wird gerne genommen, was Bildung bringt, nicht so gerne.« Er glaubt zu wissen, wo die tradierte Fortschritts- und Bildungsfeindlichkeit am besten zu knacken ist. Wenn sie erst einmal eingesehen hätten, daß mit Bildung mehr Geld zu verdienen ist, würden sie ihre Vorbehalte schon ablegen.

    Oder sie ziehen weiter an einen Ort, wo sie wie eh und je abgeschottet vom Rest der Welt leben können. Wie es die gottesfürchtige und arbeitsame Religionsgemeinschaft in ihrer 350jährigen Geschichte immer tat, wenn sie mit der Obrigkeit in Konflikt geriet. Von Deutschland zogen sie in die Niederlande, weiter nach Polen, Rußland, in die USA und Ende des letzten Jahrhunderts nach Kanada, wo sie fünfzig Jahre unangetastet leben konnten. Die überzeugten Kriegsdienstgegner überstanden unbeschadet die Mobilmachung des Ersten Weltkriegs. Erst der Versuch der kanadischen Regierung, die allgemeine Schulpflicht auf die Mennoniten auszuweiten, führte vor gut 75 Jahren zu einem neuerlichen Exodus des bibelfesten Bauernvölkchens.

    Zuflucht bot ein Land, das selber eben erst den Wirren eines Bürgerkriegs entronnen war. Mexikos Präsident Alvaro Obregón sicherte den mennonitischen Abgesandten nicht nur volle Religionsfreiheit sowie die Befreiung von Militärdienst und Wahlpflicht zu, sondern auch das Recht, »daß Sie Ihre eigenen Schulen mit eigenen Lehrern gründen können«. Am 8. März 1922 erreichte der erste Treck den Bahnhof von Cuauhtémoc inmitten der nordmexikanischen Prärie. Damals begann die Besiedlung des Mennonitenlandes im Bundesstaat Chihuahua.

    Gelesen wird nur die Heilige Schrift

    Steinfeld: Die Nacht ist hereingebrochen. Aus den Fenstern eines geräumigen Wohnhauses fällt Licht nach draußen. Drinnen decken Mädchen mit blonden Zöpfen emsig den Tisch ab. Die vielköpfige Familie von Cornelius Wiebe hat gerade das Abendbrot beendet. Auf unser Klopfen öffnet die Frau des Dorfpredigers die Tür. Besuch am frühen Samstagabend ist etwas Ungewöhnliches, zumal sich Mennoniten eigentlich gar nicht besuchen. Nach kurzem Zögern werden wir hineingebeten.

    Cornelius Wiebe wirkt reservierter als seine Gattin. Es gibt unerwartete Verständigungsprobleme, vor allem sprachlich. Daß die meisten Gläubigen das heutige Deutsch nicht verstehen, ist bekannt. Die geringen Sprachkenntnisse eines Dorfpredigers überraschen allerdings, schließlich halten die Prediger der mennonitischen Gemeinden in der ganzen Welt ihre Sonntagsliturgie auf »hochdeutsch«. Aber Cornelius Wiebe weiß sich zu helfen, nach kurzer Zeit kommt ihm ein Kollege zu Hilfe.

    Wilhelm Reimer spricht recht gut spanisch. Gemeinsam erklären die beiden Prediger der traditionellen Altkolonistengemeinde ihr Weltbild. Und ihre Vorstellungen von dem, was gut und richtig ist für die Menschen. »Es ist nicht nötig, daß sie etwas anderes lesen als die Bibel«, erklärt Reimer, »Wir wollen nicht, das sie etwas lernen, was nichts mit Religion zu tun hat.« Zeitungen, Bücher, Radio und vor allem Fernsehen sind schädlich. »Wir akzeptieren das Radio nicht, weil unsere Eltern uns beigebracht haben, daß das schlecht ist.« Die haben schon lange ihre Konsequenzen aus der zunehmenden Verweltlichung bei den mexikanischen Mennoniten gezogen. 1954 wanderten sie nach Bolivien aus. Damals kamen Gummireifen bei den Treckern auf.

    Traditionelle Mennoniten wollten diese Verweichlichung des durch harte Arbeit, Entbehrung und Verzicht gekennzeichneten Erdendaseins nicht akzeptieren. Wiebe und Reimer junior nennen heute allerdings einen ganzen landwirtschaftlichen Fuhrpark mit Profilreifen ihr eigen und fahren mit großen nordamerikanischen Pick-Ups durch die Gegend. Was würde sie dazu bringen auszuwandern? Die Antwort kommt spontan: »Das Fernsehen. Wir haben schon daran gedacht wegzuziehen.«

    Wachsender Anpassungsdruck

    Blumenau: Auch Schulleiter Abram Dyck hat die Auseinandersetzungen innerhalb der Mennonitengemeinde am eigenen Leib verspürt. Seine Schulbildung und das anschließende Studium verdankt er letztlich dem unerbittlichen Kampf der Konservativen gegen jede Form von Neuerung. Seine Eltern kamen als Kinder mit der ersten großen Siedlerwelle 1922 aus Kanada nach Chihuahua.

    Knapp 30 Jahre später wurde Vater Gerhard Dyck zum Dorfprediger gewählt. Doch es gab ein Problem: Er fuhr einen Trecker mit Gummireifen. Die Mehrheit im Dorf lehnte jeden Fortschritt ab und holperte wie eh und je auf Felgen über die Äcker. Man wollte Dyck senior zwingen, die Gummireifen abzumontieren. Die Dycks entzogen sich dem Druck und zogen nach Cuauhtémoc. So konnte Sohn Abram zur Schule gehen und studieren. Heute ist er Rektor der größten Mennonitenschule in Mexiko.

    Sechzehn Augenpaare blicken gebannt auf ebenso viele Bildschirme. Kinderhände bewegen sich flink über Tastaturen. Computerspiele sind als Pausenfüller beliebt. Aber dafür wurden die PCs in der Mennonitenschule in Blumenau nicht angeschafft. »Computación« steht regelmäßig auf dem Stundenplan der höheren Jahrgänge.

    Auch sonst hat das Kollegium, das ausnahmslos der aufgeschlossenen Mennonitischen Konferenz angehört, bewußt mit traditionellen Regeln gebrochen. Während Musik bei den Altkolonisten verpönt ist, hat dieses Fach in Blumenau einen festen Platz auf dem Stundenplan. Sogar Sexualkunde wird den älteren Schülern geboten. Die Schüler sollen umfassend auf die neue Wirklichkeit vorbereitet werden. »Wir werden ständig durch Einflüssen von außen bombardiert«, meint Schulleiter Dyck, »und viele von denen haben wir auch angenommen. Die Geschlossenheit dieser Kolonie ist verschwunden.«

    In Zeiten weltweiter Ökonomisierung aller Lebensbereiche nimmt der Anpassungsdruck zu. Längst ist man vom Prinzip der Selbstversorgung abgerückt. Die Bauern verkaufen die Maisernte an die mexikanische CONASUPO und nehmen Unterstützung vom Agrarprogramm PROCAMPO in Anspruch. Immer mehr Mennoniten treten der mexikanischen Sozialversicherung bei. Dank des Freihandelsabkommens NAFTA überschwemmen Billigprodukte aus dem Norden die heimischen Agrarmärkte. Viele Familien müssen sich mit Saisonarbeit auf kanadischen Plantagen über Wasser halten. Der Boden wird knapp für die wachsende Bevölkerung, wo jede anständige Familie zehn oder zwölf Kinder hat. Junge Leute müssen langfristig Arbeit außerhalb des Mennonitenlandes suchen.

    »Früher sprachen nur die Männer spanisch, die Kontakt mit der Außenwelt hatten«, erinnert sich Schulleiter Dyck. »Heute gibt es einen öffentlichen Zugang von außen in die Kolonie und auch von jedem aus dieser Kolonie zur Außenwelt.« In Blumenau wird daher ein großer Teil des Unterrichts in spanischer Sprache gehalten. Das war eine Voraussetzung dafür, daß seine Schule als einzige im Mennonitenland in das mexikanische System integriert ist, die Abschlüsse sind im ganzen Land anerkannt. Die Verantwortlichen kommen damit einer Wiederholung früherer Konflikte zuvor: Bevor sie sich zwangsweise dem staatlichen Schulsystem unterordnen müssen, integrieren sie sich selber. Damit können sie weitgehende Autonomie bewahren.

    Emotionale Nähe zur ehemaligen Heimat

    Ebenfeld: Besuch aus Deutschland ist etwas Besonderes. Der Lehrer und Schulbuchautor Eddy Plett führt uns bereitwillig durch die Schule. Die Erstkläßler schauen die Gäste mit kindlicher Verlegenheit an. Der Lehrer der 7. und 8. Klasse nutzt die Gelegenheit zur Bereicherung des Deutsch-Unterrichts. Die Gäste müssen erzählen, woher sie kommen, was sie machen und weshalb sie gerade zu den Mennoniten gefahren sind. Ein Dreizehnjähriger rutscht eine Weile unruhig auf seinem Stuhl hin und her, bevor er seinen ganzen Mut zusammennimmt: »Wie kommen denn die Deutschen aus dem Osten und aus dem Westen miteinander aus?« Offenbar wissen die Mennoniten weit mehr über das ferne Deutschland als ihre mexikanischen Nachbarn.

    Bis heute hat sich trotz der Entfernung eine emotionale Nähe zur ursprünglichen Heimat dieser jahrhundertealten Religionsgemeinschaft erhalten. Als Minderheit in wechselnder Umgebung hielten die Mennoniten zäh an ihren Traditionen fest. Und an der plattdeutschen Sprache.

    Der Deutschlehrer in Ebenfeld ist glücklich. Er war selber lange genug in Deutschland, um zu wissen, wie weit sich die rund 45 000 Mennoniten in Nordmexiko von ihren deutschen Ursprüngen entfernt haben. Für ihn ist es wichtig, daß seine Schüler das heutige Hochdeutsch zu hören bekommen. Wie die Mennonitische Konferenz streben die Mitglieder der sogenannten Kleingemeinde, die erst 1948 aus Kanada in den Norden Mexikos folgten, für ihre Kinder eine gute und umfassende Schulbildung an. Gemeinsam mit seiner Frau Betty hat Eddy Plett etliche Lesebücher zusammengestellt.

    Die Texte sind überwiegend hochdeutsch, teils plattdeutsch. Meistens geht es um die Mennonitengeschichte und um Vorbilder der Religionsgemeinschaft. Im Lesebuch »Wohin, woher?« für das 5. Schuljahr kommt Johann Cornies mit einem autobiographischen Text zu Wort. Als Kind hatte er Anfang des 19. Jahrhunderts den Treck der Mennoniten von Ostpreußen nach Rußland miterlebt, bevor er sich in der neuen Heimat durch die Entwicklung landwirtschaftlicher Verfahren einen Namen machte. »Ich habe auch große Anstrengungen gemacht«, erfahren die Fünftkläßler, »das mennonitische Schulwesen zu verbessern. Die Anstrebungen im Schulwesen wurden nicht von allen Mennoniten gutgeheißen.« Eddy Plett weiß nur zu gut, daß sich daran bis heute nichts geändert hat.

    aus: junge welt vom 8.8.1998 Copyright


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