Amische


    Narren Gottes oder letzte ehrliche Christen?

    Artikel von R. Grimm aus Rhein-Zeitung vom 03.06.1997

    Auf den ersten Blick sind sie Amerikas rückständigste Menschen. Sie bedienen sich keiner modernen Technik. Ihr Kleidung stammt aus vergangenen Jahrhunderten. Zentraler Wert in ihrem Leben ist eine auf Gott bauende Gelassenheit. Für die einen sind die Amischen, deren Vorfahren vor annähernd 300 Jahren aus Deutschland in Amerika einwanderten, "Narren Gottes", für andere die letzten ehrlichen Christen. Die jetzt etwa 150.000 Menschen zählende Gemeinschaft geht auf eine durch Jakob Ammann 1694 im Elsaß herbeigeführte Spaltung unter den sogenannten Täufern zurück.

    "Gottes letzte Inseln" ist der Titel eines neuen Buchs über die radikalen Gemeinschaften der Täufer in Kanada, den USA und Mexiko von einem Bundesdeutschen, der unter Amischen gelebt hat, dabei monatelang ohne Fernsehen, Radio, Telefon und Auto ausgekommen ist. Bernd G. Längin erlebte sie als gottergebene, strenge, klaglose, zielgerichtete, disziplinierte Menschen. Obwohl sie sich Gottes Willen überlassen, kommen diese Bauern und Handwerker mit dem praktischen Leben hervorragend zurecht.

    Amische lehnen neben Kindergeld und Sozialhilfe auch jede andere Absicherung von außen ab. Sie gehören auch keiner Krankenkasse an. Wenn jemand erkrankt oder einen Unfall hat, kann er mit der Unterstützung der Nachbarschaft rechnen. Brennt ein Haus ab, kommt das amische Hilfswerk, ein Zusammenschluß verschiedener Distrikte der Gemeinschaft, für 80 Prozent der Kosten eines Neubaus auf. Für sie gilt das Bibelwort "Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen".

     Die Amischen

    Hutterer, Altkolonier und Altmennoniten
    Die Täuferbewegung geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Sie ist gekennzeichnet durch die Erwachsenentaufe sowie eine eigene Theologie und Ethik. Längin, der seit einiger Zeit in Kanada in unmittelbarer Nähe einer Täufersiedlung wohnt, berichtet in seinem Buch (Pattloch Verlag, Augsburg, 352 S., 49,80 Mark) über Begegnungen mit Menschen der vier radikalen Täufergemeinschaften. Außer den Amischen sind das die Hutterer, die Altkolonier und die Altmennoniten. Die Hutterer gehen auf den Südtiroler Jakob Huter (1536 hingerichtet) zurück, die Mennoniten auf den Friesen Menno Simons (1496-1561) und die Altkolonier-Mennoniten auf eine Gründung 1890 in der kanadischen Provinz Manitoba. Die Täufer verließen Europa wegen ihrer Verfolgung als Abtrünnige vom offiziellen Glauben.

    Weniger Herzkrankheiten als Durchschnittsamerikaner
    Amische haben nach Erkenntnissen der Harvard School of Medicine weniger Herzkrankheiten als Durchschnittsamerikaner. Bei der Familie des Yost T. Hostetler von Fredericksburg im US-Staat Ohio wurden die weltweit niedrigsten Cholesterinwerte entdeckt, obwohl die Hostetlers auf nichts verzichten, was ihre Hühner-, Rinder- und Schweineställe liefern. Besonders bei Feiern, etwa einer Hochzeit, essen die Amischen so, als hätten sie eine Hungerperiode hinter sich, schreibt Längin.

    In anderer Hinsicht ist man auch bei solchen Gelegenheiten für das Karge. Man wünscht den Jungverheirateten kein gutes Zusammenleben, sondern setzt es voraus. Amische tragen keine Ringe, tauschen in der öffentlichkeit keine Küsse und schenken keine Blumen. Feiern finden ohne Musikkonserven oder Instrumentalmusik statt. Dafür wird gesungen.

    Zwischen sechs und zehn Kinder pro Familie
    Die typische Amischfamilie zieht zwischen sechs und zehn Kinder auf. Die Elterngeneration hatte noch zwölf und mehr. Das Familienleben ist stabil. Lebenslängliche Partnerschaft ist absolute Norm. Eheleute können sich trennen, wenn ein Partner "ungläubig" wird, doch Scheidung ist ausgeschlossen. Im übrigen ist dies eine Gesellschaft ohne Eigentumsdelikte und ohne Alkohol- und Drogenprobleme.

    Längst sind die Amischen eine Touristenattraktion. Für manche Urlauber sind Besuche in Arthur/Illinois, Tomah/Wisconsin oder Intercourse/Pennsylvania Reisehöhepunkte. In Ohio rangieren sie in der Gunst des Fremdenverkehrs gleich hinter einem Vergnügungspark. Ins Lancaster County fallen jährlich rund sechs Millionen Touristen ein. Auch wenn einige Täufer mitverdienen, kommt in der Regel der Tourismus auswärtigen Geschäftsleuten zugute.

    Hotelkonzerne, Souvenirläden und Restaurationsbetriebe angelockt
    Wo strengkonservative Täufer konzentriert leben, locken sie Fremde, diese wiederum Hotelkonzerne, Souvenirläden, Restaurationsbetriebe. Und die Bodenpreise gehen hoch. Der Amischautor Gideon L. Fischer konstatiert: "30 Jahre lang kamen die Touristen, um uns zu sehen, jetzt kommen sie, um unser Land zu kaufen. Was die Zukunft bringt, ist ungewiß".

    In einem Beitrag der Zeitschrift Psychologie heute schrieb der Journalist Wolfgang Möller-Streitbörger, der längere Zeit in Pennsylvania arbeitete, der Konservatismus der Amischen sei das Ergebnis jahrhundertelangen Aufbegehrens gegen die Mächtigen. Solidarität und Bescheidenheit bedeuteten für sie mehr als nur eine Forderung an die Opferbereitschaft immer nur der anderen. "Die Amischen predigen Wasser und trinken es auch - nicht aber Wein".

    Sinn für Gemeinschaft
    Der Autor zitiert den amerikanischen Soziologieprofessor Donald B. Kraybill mit den Worten: "Die Amischen verkörpern durch ihre Lebensweise Grundwerte, die in der modernen Welt zunehmend verloren gehen: einen Sinn für Gemeinschaft, für Ganzheitlichkeit und Integrität. Die Amischen sind so weit zurück, daß sie uns schon wieder voraus sind".

    Von Rudolf Grimm

    aus: Rhein-Zeitung vom 03.06.1997
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